Es gibt im Groben zwei große Nutzungsarten der Naturheilkunde. Die Eine Art ist wie eine breite Straße, in der der Eindruck entsteht, dass fast Alles für Jedes eingesetzt werden könnte.
Eine Pflanze hat so viele Inhaltsstoffen, dass sie hunderte positiver Wirkungen haben kann. Zudem wiederholen sich die Substanzklassen in den verschiedenen Pflanzenarten: Flavonoide, Polyphenole, Saponine, Aromtische Verbindungen, usw. Entsprechend breit gefächert ist ihr Anwendungsgebiet. Ähnliches ist in der Homöopathie, die ja auch zu einem großen Teil aus pflanzlichen Mitteln besteht, zu beobachten: So wird Nux vomica bei Bauchschmerz, Kopfschmerz, Stress und vielen anderen Beschwerden angewandt.
Man könnte also denken, dass bei Kräutern und Co Alles irgendwie fast immer genommen werden kann und schon irgendwie helfen wird, oder auch nicht.
So funktioniert Volksheilkunde: Fragmentales überliefertes Wissen, das wieder zusammengeführt wurde, führt zu Anwendungen in diversen Bereichen. Einerseits ist das super praktisch: Allein mit Kamille im Haushalt hat man ein Mittel, das bei Verdauungsproblemen verschiedener Art, Schleimhautentzündungen, Schlafstörungen und innerer Unruhe gleichermaßen eingesetzt werden kann. Andererseits hat aber diese Art der Volksheilkunde auch ihre Grenzen. So wirkt Thymian zwar antiviral und antibakteriell, sowie Immunsystem anregend, und trotzdem ist Thymian nicht die durchschlagende Lösung für jeden Infekt.
Das Fazit des Anwenders ist häufig: ich hab alles probiert, und es hat nichts genützt. Mit „Alles“ ist gemeint: Alles was derjenige kennt. Der Horizont des Menschen ist sein Himmelreich.
Individuelle Therapie in der Naturheilkunde muss so genau wie möglich „matchen“
Genau an dieser Stelle beginnt die zweite Nutzungsart der Naturheilkunde ihren Sinn zu entfalten: Der gezielte Einsatz eines Mittels nach dem Gesichtspunkt der höchstmöglichen Deckungsgleichheit (Kongruenz) zu den individuellen Beschwerden, was bedeutet: In ihrer Charakteristik, passend zur Persönlichkeit und der Lebenssituation eines Menschen. Hier gehört nicht nur dazu, alles zu sammeln, sondern auch: das Ganze zu betrachten, statt nur einzelne Symptome. Dieses ganze Bild wird dann zu einer punktgenauen individuellen Behandlung oder Arzneigabe transformiert.
Das Schlüssel-Schloss-Prinzip in der alternativen Therapie
Warum wird das gemacht? Um mit Naturheilkunde den höchstmöglichen Erfolg zu erzielen. Die passende Behandlung oder Arznei soll wie ein Schlüssel-Schloss-Prinzip funktionieren, oder, um ein anderes Bild zu verwenden: die ausgewählten Heilmittel sollen den Patienten möglichst treffgenau und ganzheitlich in ausgleichender Weise spiegeln.
Homöopathie
Die Homöopathie ist so ein klassischer Ansatz nach dem Similie-Spiegel-Prinzip: Wird eine Arznei, zum Beispiel Nux vomica, breitgefächert eingesetzt, z. B. bei Bauchkrämpfen und Kopfschmerzen, wird ein sehr erheblicher Prozentteil Therapieversager dabei sein. Warum? Weil das Ähnlichkeits-Spiegelprinzip der Arznei nicht genau genug mit dem reellen Problembild des Patienten matcht. Hier beginnt das tiefere Wissen darüber, dass es ja noch zigtausend andere homöopathische Mittel gibt, von denen hundert in Frage kommen, und zehn in die engere Auswahl. Zusätzlich ist zu bedenken, dass nicht unbedingt in jedem Fall Homöopathie die Königsdisziplin als alleinige Therapieform ist. Hier beginnt die Therapie mit kongruenter, weil genau zur jeweiligen Situation passender, Naturheilkunde.
Bachblüten
Bachblüten sind auch solche Kandidaten. Sie werden häufig belächelt, da sie „ja gar keine körperliche Wirkung“ haben. Ihr Wirkungsbereich beschreibt rein seelisch-geistige Zustände, die in unserer materiellen Welt schwer greifbar wirken. Wir merken leider manchmal erst so richtig, wie es uns geht, wenn ein Gefühl sich sehr stark in den Vordergrund drängt, oder eine Lebenskrise da ist.
Apotheken bieten oft Fertigmischungen an. Die Bekannteste ist die Rescue-Notfall-Mischung. Doch Bach-Blüten bestehen aus 38 verschiedenen Einzelessenzen, die in sehr konkreten mentalen oder seelischen Zuständen zur Anwendung kommen. Es liegt auf der Hand, dass eine Mischung nur so gut sein kann, wie sie zu dem Menschen passt, dem sie helfen soll. Auch hier ist es zunächst wichtig, einen Überblick zu haben, welche Seelenzustände die Bachblüten umfassen, um entscheiden zu können, ob und welche Bachblüten als Begleiter geeignet sind. Einen Überblick geben Beratungsbüchlein, die auch gleichzeitig schematisch dargestellte Hilfestellungen in der Auswahl anbieten. Hier liegt die Wirksamkeitsbegrenzung im begrenzten Verständnis für die tatsächliche Charakteristik einer Bachblüte. Den Seelenzustand in der Tiefe zu verstehen ist etwas Anderes, als in der Tabelle zu lesen „bei Wankelmütigkeit“, und zu denken: „das passt schon“.
Im Laufe meines Lebens habe ich mit Kindern, Erwachsenen und Tieren bei verschiedensten Problemen gute Erfahrungen mit Bachblüten gemacht. Sie sind eine Hilfestellung für die geistig-energetisch-seelischen Aspekte eines Wesens, einen Anderen Zugang und Umgang mit einer Situation zu fühlen und zu denken.
Homöopathie, Allopathie und Co: Äpfel nicht mit Birnen vergleichen
Bachblüten sind mit Psychopharmaka nicht vergleichbar, genauso wie das homöopathische Mittel Belladonna nicht mit Fiebersaft vergleichbar ist. Es gibt rundherum viel zu wissen, wie oft und wie lange etwas angewandt werden muss, wann, wie und in welchem Ausmaß sich die Wirkung sich entfaltet, wie insgesamt mit einer Befindlichkeit umzugehen ist (Selbstführung und Gesundheitsmanagement), und wie es danach weiter geht.
Kräuter-Sonderfall TCM-Therapie
Die chinesische Kräutertherapie setzt ebenfalls sehr stark auf die Passgenauigkeit der Arznei zum individuellen Fall. Auch hier gibt es keine „gute und schlechte“ Arznei, sondern nur eine mehr oder weniger Passende.
Die Stärken der TCM-Kräuterheilkunde
- Pflanzen und Symptome werden passgenau im TCM-Kontext ausgewählt, der sehr verschieden ist zu allem, was man so kennt. So werden katalogisiert und klassifiziert:
- Organsysteme
- thermische Wirkungen
- Wirkungen aufgrund von Geschmackseigenschaften (etwas, das wir Westler überhaupt nicht kennen)
- Körperebenen, Körperschichten und Körperteile, z. B. Oberfläche, Tiefe, Knochen, Haut etc.
- TCM-Diagnoseschemata wie „Wind-Hitze“, „Xue-Stagnation“, „Yin-Mangel“
- chemisch-pharmazeutische Inhaltsstoffe
- Indikationen und Kontraindikationen im westlichen- und TCM-Kontext.
- es wird meist mit individuellen Rezepturen gearbeitet, obwohl es für häufige Syndrome auch Fertigmischungen gibt
- Stoffwechsel-Störungen und Syndrome, die sich übereinander aufbauen und über Jahrzehnte zu verschiedenen Problemen führen, können so gezielt wieder ins Gleichgewicht gebracht werden
- akute Beschwerden können teilweise schnell und natürlich gelindert werden
Was man über TCM-Kräuter wissen muss
- Apothekenware ist schadstoff- und wirkstoffgeprüft und entspricht strengen Anforderungen
- bei chronisch entstandenen Problemen erstreckt sich die Therapie mit Kräutern über Monate und Jahre
- begleitend sind Änderungen der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten hilfreich
- die Therapie muss immer wieder angepasst werden, je nachdem, wie der Organismus reagiert, oder welche „Schicht“ eines Problemkomplexes gerade „abgetragen“ wird.
- Jede Lebensphase, sowie jedes Lebensalter, hat eine andere Charakteristik, worauf die Kräuter eingehen müssen
- bei Frauen spielt auch die Zyklusphase eine Rolle, und es können Wirksamkeitsschwankungen auftreten
- Zyklusprobleme können individuell und phasengerecht mit verschiedenen Kräutern begleitet werden
- es gibt Mischungen zur allgemeinen Gesundheitspflege oder zum „Anti-Aging“, die ebenso individuell ausgearbeitet werden und lange Zeit passend sein können
- es gibt individualisierte Mischungen, die gezielt Störungen oder Ungleichgewichte angehen, die immer wieder kontrolliert und angepasst werden müssen oder deren Anwendung auch nur begrenzte Zeit sinnvoll ist.
- Eine Mischung, die vor zwölf Wochen gepasst hat, aber jetzt erst eingenommen wird, oder es ist noch was übrig, was Monate später bei ähnlichen Beschwerden eingesetzt wird: ein möglicher Faktor für Therapieversagen
Alles passt genau wie ein Schlüssel zum Schloss, oder zumindest einigermaßen. Oder in Anteilen. So funktioniert individuelle Therapie. Je nach Art des Ungleichgewichtes kann das kurz oder lang dauern.
Heilung passiert leider oft nicht wie die Wunderheilung auf einen Schlag, obwohl das auch vorkommt. Sondern die Dinge verändern sich rückwärts hin zum Gleichgewicht. Der Körper diktiert dabei das Vorankommen. Es ist nicht möglich, einen Organismus zum Gesundsein zu zwingen. Deshalb ist eine demütige Haltung förderlich und das Wohlwollen, immer wieder, in jeder Phase, „mit zu gehen“. Zu verstehen, „was nun wieder los ist“ und den nächsten Knoten zu lösen, damit es weiter vorwärts zu mehr Gesundheit gehen kann. Heilung ist nicht, das Schlechte zu bekämpfen, sondern es anzuerkennen in dem, was es ist, und sich selbst wohlwollend zu unterstützen.