traditionelle chinesische Medizin (TCM) – ein instrument zwischen Therapie extremer Fälle und Einsatz als Good-Aging-Medizin

Im Praxisalltag erlebe ich kompliziert verschachtelte Fälle an TCM-Syndromen, die mannigfaltige, für den Laien seltsam und unerklärlich erscheinende Symptome verursachen. Die zuvor konsultierten wissenschaftlich geschulten Mediziner konnten mit der speziellen Ausprägung und Kombi an Symptomen in jenen Fällen nicht viel anfangen. Alle in Frage kommenden Untersuchungen, um eine Diagnose zu finden, wurden bereits gemacht – ohne Erfolg – und der Patient wurde mit einem schulterzuckenden Abschlusssatz seinen Symptomen überlassen: „Ihre Blutwerte sind wunderbar“. „Sie sind gesund“. „Seien Sie froh, dass Sie nichts haben“.

TCM kann mit diesen speziellen Beschwerden und Schilderungen sehr wohl etwas anfangen. Hier wird ein neuer Faden aufgenommen, und verfolgt. Doch es ist notwendig, die TCM ein wenig zu verstehen, um die Therapie richtig einschätzen zu können: Viele Patienten haben bereits einen langen Leidensweg hinter sich, und wünschen sich, dass ihre Symptome endlich schnell weg gezaubert werden. Das funktioniert nach meiner Erfahrung nicht sofort zu 100%. Für einen Teil der Symptome trifft es häufig zu. Aber nicht für alle. Warum ist das so?

Krankheit beginnt nicht von heute auf morgen. Sie entwickelt sich schleichend, und oft unbemerkt. Es gibt jedoch frühe Signale, denen nicht viel Bedeutung beigemessen wird, weil es ja „alle haben“ und „man da nichts machen kann“: Gewichtszunahme, leichte Wassereinlagerungen, Brain fog, Schlafmangel, innere Unruhe, Veränderungen des Hautbildes oder des Augenausdruckes, ein veränderter Hörsinn, leichteres Frieren, ab und zu Rückenschmerzen, verstopfte Nase, Haarausfall, Gereiztheit, Kopfschmerzen … sind nur ein ganz winziger Teil des Repertoires.

Das wäre der Moment des Einschreitens mit TCM. Dafür wurde die TCM entwickelt: um Ungleichgewichte bereits im Entstehen zu erkennen und im Keim zu ersticken. Damit der Mensch möglichst lange seinen jugendlichen, leistungsfähigen, harmonisch aussehenden und gesunden Wohlfühlkörper behalten kann. Im alten China gingen Menschen nicht zum Arzt, weil sie krank waren, sondern weil sie gesund bleiben wollten. TCM ist ein Instrument der Optimierung. Sie ist darauf ausgelegt, Alterungprozesse zu verzögern oder auszugleichen. Lebenskräfte zu erhalten oder wieder aufzufüllen. Krankmachenden Prozessen keine Chance zu geben.

Nun ist der klassische Patient in der Naturheilpraxis aber entweder, wie oben beschrieben, ein „Austherapierter“, oder aber er kommt, weil die Angst oder der Leidensdruck ihn schlussendlich, nach einer langen Zeit des Lebens „auf Energiereserve“, zu mir geführt haben. Hier muss erst einmal wieder sortiert werden, was wann angefangen hat, und welche Schichten an Syndromen sich übereinandergelegt haben. Syndrome, die sich in der Therapie nicht selten gegenseitig blockieren. Oft ist die notwendige Behandlungsweise des Einen bei den Begleitumständen und Nebendiagnosen kontraindiziert, und man muss einen sehr guten Plan machen, die Schichten an Krankheitsprozessen wieder abzutragen. Hat der Patient spezielle Vorstellungen a la: „Bluthochdruck und Kopfschmerzen sind mir egal, nur die Psoriasis soll weg, und zwar am Besten gestern“, wird es undurchführbar. Man kann den Organismus nicht zur Heilung zwingen. Man muss den natürlich vorgegebenen Weg gehen und auf dem Weg die Verbesserungen mit nehmen, die dran sind.

Ich selbst habe die meiste Zeit meines erwachsenen Lebens TCM-Kräuter zu mir genommen, um meine Defizite – feine Symptome und Befindlichkeiten – auszugleichen. Jeder Mensch hat diese Defizite. Eine eigene Konstitution mit Stärken und Schwächen. Wer eine starke Konstitution hat, hat generell zu einem späteren Zeitpunkt Symptome – und dann auch von einer ganz anderen Charakteristik, als ein Mensch mit einer feinen, eher sensiblen Konstitution.

In jedem Lebensalter – für jede Phase – gibt es spezielle Problemstellungen und ihre Lösungen in der TCM. Für Frauen und Männer sind die Lösungen natürlich unterschiedlich. Ganz nach dem individuellem Befürfnis:

Mit zunehmendem Alter oder bei feiner Konstitution geht es eher um den Erhalt und Aufbau von Yin, Reserve, Substanz, Körpersäften und Blut. Symptome sind tendenzielle Mangelsymptome wie Abmagerung, innere Unruhe, Schlafdefizit, graue Haare, Blutmangel, dumpfe Lumbalschmerzen, Ängste, Herzklopfen, Mangel-Hitze oder Mangel-Hochdruck, Diabetes durch Qi-Leere, Apetittverlust, Alterungsprozesse.

Bei fülligen Konstitutionen geht es mehr um die Elimination krankmachener Ungleichgewichte wie Feuchtigkeit, Hitze, Energie-Stagnationen und mehr. Symptome sind eher plötzlicher und heftiger Natur, oder sie potenzieren sich im Laufe der Zeit. Beispiele sind Gewichtszunahme, Wassereinlagerungen, Entzündungsneigung, Schmerzen, Diabetes durch Energie-Fülle, Fülle-Hochdruck mit rotem Kopf, geringe Frustrationstoleranz, heftige Erkältungssymptome, gefühlte Körperschwere (auch mit Müdigkeit) usw.

Jeder ist eine eigene Konstitutionsmischung, und nie nur das Eine oder nur das Andere. Wird ein Mensch, der bereits viele Jahre Ungleichgewichte mit sich herum trägt, alt, kommen zu den alten Problemen die neuen Probleme dazu. Dadurch ändert sich die Symptomatik, und die Therapie wird komplizierter.

Viele Frauen denken, wenn sie in die Wechseljahre kommen, haben sie endlich ihre lästigen Periodenschmerzen, PMS etc los. Doch in Wahrheit ist es auch hier so, dass man das alte Ungleichgewicht in das neue Geschehen mit hinein nimmt. Alle Faktoren zusammen führen dann zum individuellen Beschwerdebild.

TCM – zumindest die Kräutertherapie – ist perfekt als Anti-Aging- oder Good-Aging-Medizin geeignet. Alle Kräuter – westlicher wie östlicher Herkunft – enthalten eine Vielzahl an Antioxidantien und anderen Stoffen, die den Allterungsprozess verzögern und die Gesundheit fördern.

TCM-Kräuter sind noch dazu darauf ausgelegt, ganz gezielt bereits kleine Abweichungen vom Idealzustand des Menschen wieder auszugleichen. Trotzdem kann sie mehr. Sie kann bestehende starke Ungleichgewichte wieder auf Neutral-Null zurück drehen. Aber es braucht seine Zeit.